10 MINUTEN MIT DEM JUNGEN MXGP-WM-TITELANWÄRTER LUCAS COENEN

Viele große Namen der Motocross-WM fuhren für Red Bull KTM Factory Racing – und Lucas Coenen ist auf bestem Weg, sich ebenfalls in diese Liste einzureihen. Der 20-jährige Belgier spricht mit uns über sein Talent, seinen Weg an die Spitze, den Druck in der MXGP und seinen Traum von den USA.

Von Adam Wheeler.

Lucas Coenen beim MXGP in LaCapelle

Red Bull KTM Factory Racing ist seit vielen Jahren eine feste Größe im Grand-Prix-Motocross. In dieser Zeit hat das Team nicht nur große Champions hervorgebracht, sondern auch Motorräder, die Geschichte geschrieben haben. Dazu gehören die KTM 250 SX-F mit vielen WM-Titeln, die erfolgreiche KTM 350 SX-F und die KTM 450 SX-F, mit der ebenfalls mehrere Weltmeisterschaften gewonnen wurden.

In der Motocross-WM gab es immer wieder bekannte Familiennamen – Everts, Geboers, die Kings, die Pourcels und die Leoks. Mit Lucas und Sacha Coenen ging Red Bull KTM aber noch einen Schritt weiter: Zum ersten Mal fuhren Zwillinge erfolgreich ganz vorne mit und feierten Siege auf Grand-Prix-Niveau.

Besonders Lucas machte schnell auf sich aufmerksam. In seiner starken Saison 2025 wurde er als Rookie in der MXGP zum jüngsten Sieger in der Geschichte der Serie. Auch 2026 zeigte er sofort wieder sein Potenzial. Obwohl er noch sehr jung ist, sehen viele in ihm schon einen echten Titelkandidaten.

Die KTM Motocross-Reihe 2027

Die Coenen-Brüder im 2027er Line-up

Motocross ist hart und unberechenbar. Wer heute vorne ist, kann schon am nächsten Wochenende Pech haben. Bei Lucas gibt es aber kaum Zweifel an seinem Talent. Er kam 2023 in die KTM-Rennfamilie und zeigte in der MX2 schnell, wie viel Speed in ihm steckt. 2024 kämpfte er bis zum letzten Rennen um den Titel. Für 2025 folgte dann der große Schritt in die MXGP auf der Red Bull KTM 450 SX-F – mit gerade einmal 18 Jahren. Für manche kam das früh, für andere war klar: Lucas hat das Talent, die Ruhe und den Fahrstil, um ganz vorne mitzufahren.

Es braucht ein starkes Mindset, um schon mit 18 Jahren in die MXGP einzusteigen

Und Lucas lieferte sofort ab. Die MXGP-Saison 2025 wurde erst beim letzten Rennen in Australien entschieden. Am Ende verpasste er den Titel nur knapp. Trotzdem war das Jahr ein riesiger Schritt nach vorn: mit seinem historischen GP-Sieg in Frankreich, fünf weiteren Erfolgen und vielen Podestplätzen. Gleichzeitig sammelte er wichtige Erfahrung auf höchstem Niveau. Mit seiner Vertragsverlängerung bei Red Bull KTM bleibt außerdem die Tür für einen möglichen Wechsel in Richtung AMA Supercross und Motocross offen.

2026 geht es für Coenen nicht mehr nur ums Lernen – jetzt geht es darum, ganz vorne anzugreifen. Trotz seines jungen Alters gehört er schon zu den spannendsten Fahrern in der MXGP. Wir haben mit ihm über Druck, Entwicklung, Fans und seine Zukunft gesprochen.

Lucas: Warum bist du so gut?

"[lacht] Ich weiß es ehrlich gesagt nicht! Ich versuche einfach, die beste Version von mir selbst zu sein … und das ist nicht einfach. Ich schätze, ich habe etwas Besonderes."

Viele sagen, dass du mit einem sehr effizienten Flow fährst …

"Ich weiß, dass ich auf dem Bike sehr geschmeidig bin … aber vielleicht bin ich auch nicht der schönste Fahrer zum Anschauen. Vom Speed her finde ich mich gerade noch ein Stück weit selbst. Mit mehr Erfahrung und in den kommenden Jahren wird sich das weiterentwickeln und besser werden. Ich glaube, ich entwickle meinen Fahrstil und die Geschwindigkeit, die daraus entsteht, immer noch weiter. Mit der Zeit wird das noch besser werden – hoffe ich."

Trotz deiner vergleichsweise geringen Erfahrung wirkst du wie ein Fahrer, der alles sehr gut unter Kontrolle hat …

"Ich versuche einfach, auf dem Boden zu bleiben. Die Konkurrenz in der MXGP ist so stark, dass du dir nicht einreden kannst: „Ich bin der Beste.“ Du musst jede Chance nutzen, Rennen für Rennen. Das ist meine zweite MXGP-Saison, und ich bin stark ins Jahr gestartet, bin happy mit dem Team und happy mit dem Bike – und das gibt mir Selbstvertrauen. Ich hatte das Gefühl, dass sich die Dinge in die richtige Richtung entwickeln."

Spürst du jetzt die Erwartungen, die auf dir lasten?

"Ja, letztes Jahr konnte ich im Grunde ziemlich frei fahren. Ich war der Neue, und diesen Fahrern verzeiht man Fehler und verrückte Rennen, solange sie auf zwei Rädern bleiben. Dieses Jahr warten sie [Fans, Team, Unterstützer] auf mich! Schon letztes Jahr war ein großer Schritt, und ich weiß, dass ich vorne dabei sein muss. Da ist natürlich Druck dabei … aber ich habe das Gefühl, dass ich unter Druck besser werde. Das ist etwas Gutes."

Das Klischee von der „langen Saison“ kommt ja nicht von ungefähr – wegen Formschwankungen, Gesundheit und der großen Vielfalt an Strecken. Sieben Monate sind ein ziemlich bunter Mix …

"Ja, jeder hat Strecken, die er mag und bevorzugt. Die harten Strecken wie Arco [Trentino, Italien] sind nicht wirklich mein Ding, und dort habe ich nicht besonders viel Spaß. An solchen Wochenenden musst du einfach „da sein“ und das Beste daraus machen. Das ist schwierig, weil die Fans zuschauen und einen Sieg erwarten – aber vielleicht nicht wissen, dass du dich gerade nicht großartig fühlst. Dann heißt es schnell nur: „Er war nicht gut.“ Ich versuche, nicht zu viel nachzudenken. So gut zu fahren, wie ich kann, ist der Schlüssel – und wenn mir das so oft wie möglich gelingt, dann sollte alles okay sein."

Wirst du besser darin, mit Rückschlägen und diesen „schlechten Momenten“ umzugehen?

"Ich bin jung … und ich will immer gewinnen. Deshalb kann es manchmal schwer sein, damit umzugehen … aber ich weiß auch, dass wir gute und erfahrene Leute um uns haben. Es ist ein Lernprozess und man nimmt sich die Informationen heraus, die man braucht."

Und wie gehst du mit der wachsenden Aufmerksamkeit der Fans um?

"Ich bin gern bei den Rennen und sehe die Fans, aber wenn ich aus diesem Zelt rausgehe, bin ich wie jeder andere auch. Mir ist sehr bewusst, dass die Fans eine gute Show sehen wollen, gutes Racing und die Fahrer selbst. Ich mag den Kontakt mit Menschen. Man sieht nicht viele Fahrer einfach so herumlaufen, aber mein Bruder und ich sind oft draußen unterwegs. Wir werden oft angehalten, aber das macht Spaß, weil es manche Leute glücklich macht. Ich denke gern, dass ich ganz normal durchs Fahrerlager gehen kann."

Einige deiner Rivalen haben sehr positiv über dich gesprochen. Was hältst du von Psychospielchen in der MXGP?

"[lächelt] Das ist mir egal. Es ist schön, wenn sie so etwas sagen – und wenn man Rivalen ist, sind Komplimente natürlich angenehm –, aber ich glaube, sie meinen es ehrlich und sie kennen den Sport. Ich weiß auch, dass sie mich schlagen wollen. Ich weiß: An diesem Tag war ich besser, aber am nächsten Wochenende kann es schon wieder anders sein. Ich bin ein ruhiger Mensch, also stören mich solche Spielchen – falls es überhaupt welche gibt – nicht besonders."

Zum Schluss: Es gibt viel Gesprächsstoff über dein nächstes Kapitel – die USA und SuperMotocross mit Red Bull KTM …

"Der Traum war immer, dorthin zu gehen. Also werden wir das tun … früher oder später. Selbst wenn wir hier gewinnen, werden wir dorthin gehen. Im Moment gehen wir Schritt für Schritt vor. So etwas wie Supercross ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Ich meine, du kannst nicht einfach hingehen und gewinnen – die Jungs dort sind zu gut. Es wird etwas Neues sein, das wir lernen und aus dem wir Erfahrung mitnehmen können. Die Fahrer dort sind beeindruckend, wenn man sieht, wie schnell sie sind. Wir werden versuchen, jedes Mal zu lernen, wenn wir rausgehen."

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